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Hugo Ernst Käufer

Hugo Ernst Käufer war von 1976 bis 1987 Leiter der Stadtbibliothek und feierte am 13. Februar 2012 seinen 85. Geburtstag. Im Mai 2014 starb er im Alter von 87 Jahren.
In seinem aktiven Berufsleben war er nicht nur ein engagierter Bibliothekar, sondern schuf auch als Schriftsteller ein immenses Werk, das selbst heute noch täglich anwächst. Käufer wurde vor allem als Lyriker und Aphoristiker weit über die Region hinaus bekannt.
Aber auch die Gelsenkirchener Literaturszene hat in den 70er- und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts enorm von ihm profitiert. Junge Talente wie Michael Klaus, Klaus Peter Wolf und viele andere hat er entdeckt und gefördert. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule hat es Literaturkurse und -kreise gegeben, die von ihm viele Denk- und Schreibanstöße bekommen haben.

Zur Erinnerung an unseren ehemaligen Bibliotheksleiter präsentieren wir hier eine kleine Auswahl aus seinen Werken:

aus:
Bei Licht besehen
Ausgewählte Aforismen.
1987



Bei der Durchsicht eines Nachlasses

Das ganze Denken
in Entwürfen und vorzeigbaren Papieren
verpackt in zwanzig Archivkassetten
katalogisiert und verschlagwortet
nach DIN-Formaten geordnet
zwanzig kleine Särge
die auch die Briefe
an die Braut begraben

Nur die Träume und Zweifel
die Hoffnungen und Enttäuschungen
sind der fleißigen Ordnung
entkommen


Fürsorge

Sie registrieren uns
mit Haut und Haaren
sie beobachten uns
mit misstrauischen Blicken
sie erleichtern uns das Denken
mit frommen Sprüchen
sie sperren uns
vor ihren Karren
sie biegen uns gerade
sie lasen uns
nicht verkommen


Die das Sagen haben

Die das Sagen haben
entzogen ihm ihre Gunst
geben ihm keine Aufträge mehr
verdrängten ihn aus den Lesebüchern
strichen ihm die Papierzuteilung
ein Wort von ihm
hatte sie aufgeschreckt
das Wort war rund
das passte nicht
in ihre Vorstellung
vom Dreieck



aus:
Ohne Erinnerung hat die Zeit kein Gesicht
München 1997



Und dennoch die Leier halten

Kauf noch wahrnehmbar
das Lied der Leier
für das Leben
vom Traum
einer besseren Welt

Oft die Saiten verstimmt
singt Orpheus, ein Unangepasster
gegen die Bedrohungen
gegen das Unrecht
auf der vermessenen Erde an

Jemand, der an der Ecke steht
seine schwache Leier
gegen das starke Schwert hält
der sich als Freund der Fische
und Blumen zu erkennen gibt

Einer, der die Hoffnung
auf Einsicht
auf Zukunft
nicht so einfach
aufgeben will


Altern

Die Flecken auf der Haut
werden auffälliger
das Herz setzt Spuren
die Füße suchen andere Wege
bei den noch verbliebenen Freunden
melden sich Anrufbeantworter
die Lesarten der vielen Bücher
gerinnen zu wenigen Silber
zum Beispiel
Sela! Psalmenende

Die Bilder der Kindheit
rücken näher
wollen ans andere Ufer
die Gräber der Gefährten
von gestern
verlieren ihren Abstand
mehr und mehr


Immer noch unterwegs

Immer noch unterwegs
von Welle
zu Welle
im ungesicherten Boot
gegen den Strom
des Schweigens
gegen den Abgrund
des Vergessens

Netze auswerfen
unverletzte Worte
finden
bewahren
sie beschützen
in dürftiger Zeit


Das Notwendige tun

Dem Haus ein Dach bauen
dem Kind den Wind erklären
der Sprache eine Spur suchen
die Zeichen ins Bild bringen
den Versprechungen misstrauen
den Parolen absagen
das Kleine beschützen
den aufrechten Gang üben

Das Notwendige tun



aus:
Heimat Sprache als Tor zur Welt
Bochum 2012



GEDICHTE

Pablo Picassos Taube

Die Botschaft bringt
Pablo Picassos Taube
Den Palmzweig im Schnabel
Über alle Länder hin
Will sie gefahrlos
Fliegen


Hoffnung ist

Der Krieg ist
wie ein harter Faustschlag
der töten will

Der Frieden ist
wie ein junger Baum
der wachsen will

Die Hoffnung ist
wie ein leiser Ton
der Lied werden will

Die Zukunft ist
wie eine zarte Blume
die blühen will


Schwester Luft

Luft
zum Atemholen
zum Wortemachen
zum Lieben
zum Gehen
zum Stillsein
zum Staunen
zum Trauern
zum Abschiednehmen
Luft

Schwester Luft


APHORISMEN

Betriebsstrategie: Wir stellen nur noch Computer ein - die motzen nicht.

Wer anderen eine Grube gräbt, hat wenigstens eine Arbeitsstelle.

Der beste Liebhaber ist das Finanzamt, er bleibt dir ein Leben lang treu.

Das schlimmste Hindernis in der Welt ist der Mensch, solange er lebt, wird es keinen Umweltschutz geben.

Die Spezialisten mehren sich, die Denker sterben aus.

Der Frieden will ausbrechen, die Sicherheitsbestimmungen Hindern ihn daran.

Kriecher stolpern nicht.

Die Ketten von morgen sind die Vernetzungen von heute.

Die Schulmedizin ist eine Medizin, die noch nicht ausgelernt hat.

Liebe auf den ersten Blick, der Alltag beginnt mit dem zweiten.

Den eigenen Weg suchen - wenn bloß die vielen Umleitungen nicht wären.

Seinen Nächsten lieben, wer weiß, ob er das will.

Die Gegenwart ist so, wie die Vergangenheit sie gemacht hat.

Wir gehen mit unserer Erde um, als ob wir noch eine andere in Reserve hätten.

Es allen recht zu machen, ist nicht immer billig.

Sein Herz verschenken - im Zeitalter der Transplantation ist das auch nicht mehr viel wert.

Wer ohne Illusionen lebt, hat mehr von seiner Trägheit.

Schade, dass die Jugend nicht nach dem Alter beginnt.

Wer im Trüben fischt, braucht keinen Angelschein.

Ohne Zweifel gibt es keine Wahrheit.



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